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Shopping-Obsessionen
in fremden Städten

Jede Stadt hat ihre ganz speziellen, rasant wechselnden Modevorlieben. Ich korrigiere, fast jede Stadt, denn Wien scheint sich solchen oberflächlichen Torheiten hartnäckig zu verschließen. Da ist man dann auf vielreisende Freunde angewiesen, die man nach ihrer Rückkehr aus Metropolen wie London, Paris oder Berlin hysterisch nach DEM beherrschenden Street-Teil ausquetscht. Bitte, schnauft man ungeduldig, was ist es diesmal? Wollige Legwarmers, grellbunte Lederhandschuhe, superscharfe Modstiefel?

Trotz monatelangem arktischem Winter ist zum Beispiel vielen Wien-BewohnerInnen die Optik ihrer schützenden Accessoires recht egal, Hauptsache warm. Berlin oder London sind da ganz anders, jeder Schal ein kleines Kunstwerk, die Mütze der krönende Abschluss eines perfekt ungestylt-gestylten Outfits. Bricht man in eine der genannten Städte auf, hat man deshalb meistens Gepäck für mehrere Wochen und Klimazonen mit. Immer in der Angst, in der Fremde wie die Mitzi vom Land auszuschauen, wird alles halbwegs Fashionable in den Koffer gepfercht. Fünf Paar Schuhe für drei Tage, no problem. Und wozu man die schwarzen ellenbogenlangen Satinhandschuhe braucht, kann ja bitte wirklich nur ein Unwissender fragen.

Derart ausgestattet reise ich Ende Dezember nach London. Schon nach ein paar Metern am fremden Trottoir gräbt sich eine fixe Idee in mein Fashion-Victim-Hirn: Ich brauche sofort einen Schal! Der mitgebrachte tuts hier nicht. Noch ein paar Auslagenscheiben weiter kristallisiert sich ein zweites Objekt der Begierde heraus: das Prom-Kleid. Ahnte ich bisher kaum etwas von der Existenz eines solchen schulterfreien Abendkleids mit bauschigem, knielangem Rock, so kann ich jetzt nicht mehr ohne Silvester feiern. Egal auch, dass in meinem Koffer eh schon der perfekte Jahresende-Fummel bereit liegt.

Auf der Suche nach dem ultimativen Schal werfe ich mich also todesmutig in den Topshop-Abverkaufswahnsinn, nichts. Betrete jede Filiale bisher geringschätzig belachter Textilketten, nichts. Kokettiere bei Urban Outfitters mit einem pinken Strickteil um lächerliche 60 Pfund, verzichte schweren Herzens. Die Obsession in mir tobt weiter. Also klingle ich sogar, bereits jeglicher Selbstachtung beraubt, an der Tür einer Members-only-Boutique, nur um von den anwesenden Models und Stylisten höflich wieder hinauskomplimentiert zu werden. Schließlich knöpfe ich meinem Begleiter den gerade erstandenen Billigschal ab, bin glücklich, er friert ab jetzt.

Bleibt noch das Prom-Dress-Problem. Wieder in den Topshop, diesmal in die Second-Hand-Abteilung. Mit einer Armvoll Ballroben in die Garderobe, wo sich schmerzlich herausstellt, dass ich nicht über die nötige Achtziger-Silikon-Oberweite verfüge. Nichts. Den Tränen nahe - die Silvesterparty rückt immer näher - rase ich durch teure Shops in Soho und grindige Standeln in Camden. NICHTS.

Mit schwindender Kraft stolpere ich in einen der letzten Läden und sehe mein Traumkleid. Ziehe mich in der schneidend kalten Umkleide im Keller bis auf die Unterhose aus, quetsche mich ins Mieder, zu eng. Zu eng? Gibts nicht. Der Freund zerrt am Reißverschluss, Kaiserin Sisi kommt mir in den Sinn, meine Taille schrumpft auf 50 Zentimeter. Ich hyperventiliere, gestehe meine schmähliche Niederlage ein. Und feiere Silvester schließlich im mitgebrachten Outfit. Spätestens beim Rückflug belächle ich abgeklärt die überstandene Shoppinghysterie und denke entspannt an die geplanten Osterferien in New York. New York? Frühling? Himmel, was trägt man da statt dem Schal?

by Claudine



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